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Zu Feldmanns Telefonbuch

Mit einem Zitat von den Everly Brothers: "This is my last song I am ever going to sing" teilte mir Hans-Peter Feldmann telefonisch mit, daß das TEXEFONBUCH seine letzte Publikation im Kunst-Bereich sein wird.

Hans-Peter Feldmann, der über sich selbst nur mitteilen läßt, daß er 1941 geboren ist und in Düsseldorf lebt, will so anonym bleiben, wie es die Motive seiner Bilder sind. Feldmann reproduziert im allgemeinen Bilder und Fotos, oder fotografiert belanglose Situationen, wie etwa in dem nun vorgelegten TELEFONBUCH. Er versetzt die Bilder in den Bereich der Kunst und schlägt uns damit ein anderes Sehen vor. Er benutzt Fotografie in seinen Arbeiten, um den Betrachter zu einem 'schärferen' Sehen zu bewegen - und das ist sowohl ein bewußteres und kritischeres, als auch ein zugleich voraussetzungsfreieres und freudigeres Sehen.

Feldmanns Arbeitsweise und Intention werden im Katalog der Documenta 6 wie folgt beschrieben:
"An jenem Punkt, an dem das Interesse der Produzenten der 'nicht-künstlerischen' Fotografie für ihr Medium aufhört - im Moment der Fertigstellung des Fotos nämlich - setzt die Medienarbeit von Hans-Peter Feldmann ein. Die Bezeichnung 'Medienarbeit' ist hier wohl angebracht, da es Feldmann nicht primär um das Fotografieren oder um die Fotografien an sich geht. Sein Interesse gilt dem Prozeß der Wahrnehmung, der bei der Rezeption von Produkten der 'angewandten' oder populären Fotografie in Gang gesetzt wird. Feldmann sucht also nicht das Wesen der Fotografie oder, um es mit den Worten von Carl Andre zu sagen, 'nicht so sehr eine Antwort auf die Frage, was ist Fotografie, sondern was ist Fotografie in einer Kultur oder Zivilisation'. Er geht dabei von den einfachsten Gegebenheiten der fotografierten Massenprodukte aus: von deren Überschaubarkeit und deren Anonymität, und folgt auch ihrer Erscheinungsform. Ebenso wie Fotos vervielfältigt werden, und es somit kein Original und keine Kopie gibt, publiziert Feldmann die eigenen Arbeiten in Serien: als Bücher oder als Plakate, die unsigniert und in möglichst großen Auflagen produziert werden sollen."

Feldmanns TELEFONBUCH zeigt 25 Photos einer Telefonzelle, in der eine junge Frau in Minirock steht, dem Betrachter den Rücken zuwendet und telefoniert. Jedes Photo ist fast identisch mit den jeweils vorausgehenden und folgenden Bildern; nur die Haltlang der telefonierenden Frau ist leicht verändert: es handelt sich also um eine Variation, für die es in unserer Erinnerung unendlich viele Ergänzungsmöglichkeiten gibt und die aus unserer Seh-Erfahrung kommt. Die Bilder setzen sich fort, über das TELEFONBUCH hinaus, in (welche?) Bild-Wirklichkeit ? - Würde sich die Frau umwenden, sich uns, den Betrachtern, zuwenden, so würde eine "Geschichte" entstehen und in einem letzten Bilde zuende gehen; so aber, mit der ständig gegenwärtigen und ständig offenen FRage "Wird sie sich umdrehen?" entsteht eine Zeitlosigkeit, wie sie durch Endlos-Filme entsteht. Wo ist schließlich Anfang und Ende, und wie ist die Reihenfolge festgelegt?

In dem Umschlagphoto, das zwei nebeneinanderstehende leere Telefonzellen zeigt, wird ein weiterer Aspekt deutlich: der der Konmnunikation, der Verwendung also des Alltagsgegenstandes Telefon. Mit wem denn telefoniert die Frau, die in den Photos des TELEFONBUCHES von einem Bein auf das andere wechselt und redet. Redet sie überhaupt? Angesichts der leeren Telefonzellen, die gleichzeitig auch das Bild besetzter Telefonzellen, vor denen wir ungeduldig warten, impliziert, wird die zugleich von Millionen und doch nur in der Vereinzelung erfahrene Handlung des Telefonierens assoziiert: wir können nebeneinanderstehen in Telefonzellen, und sind doch isoliert, und nur der/die Andere am anderen Ende der Leitung ist eingeschlossen in die Intimität des Gesprächs. Aber wer ist der Andere, hört er denn zu, oder ist er/sie genausoweit entfernt, wie derjenige, der nebenan steht? Auch so zufällig und "unvermittelt", wie unsere Namen im Telefonbuch stehen.
Feldmann bringt uns also einmal mehr eine alltägliche Situation vor Augen und löst durch die Banalität der abgebildeten Situation, ja auch durch den in der Telefonzellentür sich undeutlich spiegelnden Photographen Reflexionen aus über die Beziehungen, in der wir stehen: in Verbindung mit anderen, entfernt von anderen, andere betrachtend: hören, sprechen, sehen.

E. Stegentritt (1980)

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