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Helmut Federle: Über Frank Auerbach

Bei bedeutender Malerei – um die handelt es sich bei Frank Auerbach – von Farbauftrag zu reden wäre merklich verfehlt. Würde man bei Jackson Pollock von Farbauftrag reden? Wohl nicht! In diesen Malereien geht es um existenzielle Setzungen, Malerei als psychologischer Erfüllungsgehilfe der Identitätsfindung. Es handelt sich um materialisierte Erregungen, das ist transferierte Energie mit Erwartungshoffnung. Die Farbmasse deutet auf einen kraftvollen, bis oben hin gefüllten Intensitätscontainer, unruhig, konstant.

 

Auerbach sucht wie kaum ein anderer, vergleichbar vielleicht mit seinen Kollegen Leon Kossoff und Van Gogh oder Eugène Leroy, in einer exzessiven multiplen Überlagerung von Erregungen über einen längeren Zeitraum zum orientierungsstiftenden Ort vorzudringen. Bei diesem Verhalten geht es nie um Verführung. Es steht eindeutig eine philosophisch-psychologische Erkenntnishoffnung durch Visualisierung im Raum. Die von Auerbach ausgeführte Abkratztechnik und erneute Auffüllung über Wochen und Monate verweist auf unruhige Erregung. Aggression und Scheiterungsakzeptanz – Antipoden des Design – sind Attribute, in der die Setzung nicht unmittelbar zur Erfüllung gelangen kann und in der die Erwartung an das Bild nicht per se auf Anhieb eingelöst wird. Da ist im Malverhalten ein unterschwelliger Kampf spürbar. Man erahnt durchaus auch den Versuch, das Unbekannte ans Licht zu holen oder zum Unbekannten vorzudringen. Gut so. Zeugt dies doch exemplarisch von hoher Zielsetzung, in der ein Bild unterhalb dieser Prämissen als überflüssig erscheinen muss.

 

Am anderen Ende dieses Spektrums eine sanfte, eher dünne, minimalistische, vielleicht eher als meditativ zu bezeichnende Setzung von Farbe. Ich denke an Ellsworth Kelly, Agnes Martin oder an japanische Tuschemalerei. Diese Maler sowie Auerbach und Kollegen verbindet eine großartige Integrität gegenüber Farbe und Inhalt vis-à-vis der zu materialisierenden Erregung. Aufgrund unterschiedlicher Seinszustände und deren existenzieller Charakteristika erklären sich Farbverhalten, Ausdehnung und Inhalt, erklären sich die verschiedenen Modalitätsperspektiven.

 

Die Freisetzung und Suche in eigener Erfahrung, losgelöst von gesellschaftsbedingtem Konsens in singulären Erregungsdogmen, beobachtet von intellektueller Analyse, war ein Grundpfeiler der modernen Malerei. Dies solange, bis die liberale Demokratiedoktrin diese Wertestrukturen als obsolet erledigte und das Leidensdogma des Malers einer soziologisch bestimmten Alltagsberufung weichen musste. Weiters verbindet diesen Typus des Malers von Auerbach bis Martin eine klare Absage an Geschwindigkeit und Produktion. Es geht um existenziell notwendige Suche nach tiefer Wahrhaftigkeit, nach tiefer Schönheit.

 

Helmut Federle, Wien, November 2015

 

 

 

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