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Paul-Armand Gette: Über die Verwirrung / De la Perturbation

Einleitung

 

Es ist nur ein Schritt von dem Blick, den man auf eine Landschaft richtet bis zu jenem, der sich an die Beine eines kleinen Mädchens heftet und an sein Höschen, das wir weiß mögen im Schatten der Röcke: beide Blicke folgen einer Gefühlsregung, beide suchen nach einem Standpunkt.


Wir stellten uns 1976 in "De quelques lisières" vor, daß ein Verehrer kleiner Mädchen unser gesamtes Werk unter diesem Blickwinkel lesen könnte. Uns überbietend, haben wir nun beschlossen, selbst dieser Liebhaber zu sein und das Ergebnis, das durch den Raster fiel, zu prüfen, unsere Methoden zur Raffinierung des ausgefällten Produkts zu verfeinern und insgesamt auf die Quintessenz eines Störfaktors hinzuarbeiten, um dann zu erwägen, ob sich dieser vielleicht umpolen ließe. Bis 1979 stifteten kleine Mädchen lediglich Verwirrung beim Betrachten visueller Angebote, deren Mittel und Verschlüsselungen, obschon stets äußerst einfach gewählt, der naturwissenschaftlichen Domäne entnommen waren. Seitdem versuchen wir, das verwirrende Element umzupolen und die Frage lautet nun: vermögen bestimmte Situationen, Titel und Arten der Darbietung eine emotionale Lektüre der Arbeiten über kleine Mädchen zu stören, nachdem in beiden Fällen die Verfahren durch das Dazutun des Betrachters überhitzt werden könnten?


Es sei noch klargestellt, daß wir zur Bezeichnung botanischer oder zoologischer Beispiele stets die binäre Nomenklatur benutzt haben, während wir kleine Mädchen nur bei ihrem Vornamen nennen, für uns sind sie noch im Werden begriffen, ohne daß uns das Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses interessierte. Wir sind bewegt, wenn unser Blick die Säume ihrer Körper und ihrer Kleidung erkundet; wir sind es auch deswegen, weil sich jedes dieser Mädchen zeitlich in einem Raum aufhält, den wir gleichfalls gern als Übergang betrachten.


Im Gewebe unserer bisherigen Arbeit gab es bereits Maschen, wo kleine Mädchen Platz fanden: als Anspielung, Photo oder Serie. Jetzt besetzen sie fast die ganze Ausdehnung des Werkes. In Ausstellungen geht dieses für den Zuschauer aus seinem vorbestimmten linearen Raum in einen Zeit-Raum über - sozusagen die Spanne, die er zur Betrachtung benötigt. Das gleiche gilt für Filme und Videographien, die nichts erzählen, eher die Zeit ihres Ablaufs einnehmen, ohne daß man sie ganz sehen müßte - ein Rat, den wir wiederholt gegeben haben, der sich aber an der hartnäckigen Überlieferung stößt, daß solche Vorführungen unbedingt an eine Handlung gebunden sein und eine Lösung finden müssen.


Manchmal mögen wir die Landschaft durchqueren, ohne auf ein Vorkommnis zu warten, ganz so wie wir bei der Vorführung auf dem Schirm ein paar Bilder aus den Augenwinkeln einfangen. Desgleichen kommt es vor, daß wir zwanzig Minuten unserers Lebens auf die Strumpfkante am Bein eines kleinen Mädchens verwenden. Diese verschiedenenVerhaltensweisen scheinen uns nicht wiedersprüchlich. Was uns dagegen stets etwas anödet,das ist die Geschichte, außer wenn sie einfach ist und ihr Fortgang fast bis zum Stillstand gestreckt ist. Soll man dies unserer angeborenen Faulheit zuschreiben oder dem Wunsch, das Glücksmoment zu strecken? Vermutlich beiden.


Daß Gesichter fast generell auf den Bildern fehlen, ist sicher eine Folge unseres geringen Interesses am Erzählen, denn das als ganzes gesehene Gesicht sagt oft zuviel. Wir haben es lieber ausdruckslos, wie man es, selbst bei kleinen Mädchen, selten antrifft. Als Voyeur entfernen wir uns im übrigen kaum von dem Gegenstand, der uns beschäftigt und dem wir uns so weit wie möglich nähern, daher die Fülle von Details und Rückansichten. Letztere unterscheiden uns von Ch. L. Dodgson alias Lewis Carroll, während uns doch sonst soviel mit dem Ator von Alice verbindet. Die Aktion "Photographien. Hommage ä Charles Lutwidge Dodgson" vom 11. Dezember 1975 sowie die Veröffentlichungen "Elisbeth ou la lecture" (1976) und "Four small girls" (1978) können als Vorstufen unserer heutigen Arbieten gelten. Wir arbeiten aus der Nähe, während bei dem photographierenden Logikprofessor aus Oxford mehr Distanz festzustellen ist, wenigstens während der Aufnahmen. Doch gab die vorausgehende Ausstaffierung der Modelle mit Accessoires aus seiner berühmten Truhe bestimmt Anlaß zu Berührungen, um die wir ihn eingestandenermaßen beneiden.


Kleine Mädchen, Spiegel der Wünsche, doch auch, das sei nicht vergessen, Ausgangspunkte von Darstellungen, aus denen sich unsere Arbeit als Puzzle der Wahrnehmung zusammensetzt, worin Leerstellen fast ebenso wichtig sind wie das Gezeigte. Ein Werk also, das den Betrachter dazu anhält, zwischen den Zeilen beziehungsweise den Leerstellen - aber ist das nicht dasselbe? - zu lesen. Die Bilder, auf den ersten Blick Spiegel ohne Folie, laufen Gefahr, solch anziehender Eigenschaft im Kreuzfeuer der Konformismen verlustig zu gehen.


Was soll man von diesen Bildern sagen, die sich in eingen Film- und Videosequenzen gleichen, oder fast gleich werden wenn man sie wieder photographiert, photokopiert - Videographien wie "Emille ou la notion d'Écotone" oder "The Model", in deren Verlauf das Modell fast nichts tut als seine Schuhe und dann die Strümpfe auszuziehen? Gerade diesem "fast nichts" gilt unser Interesse, gerade darauf konzentrieren wir uns, denn jenseits des Visuellen betritt man hier Zonen, wo die Bewertung anderen Qualitätsmaßstäben unterliegt als den gewohnten.



Dieser Text wurde zu Beginn des Jahres 1980 verfaßt und vorgetragen. Seitdem haben wir unser Thema fortgeführt und die Untersuchung auf Europa ("Souvenirs de S...") und Amerika ("The Model" - Farbvideo und Photos) ausgeweitet. Manchmal verlagert sich der Schwerpunkt des Interesses, um sich gezielt auf einen Teil der Unterwäsche - das Höschen - zu richten, wodurch der Bildansatz und die Reflexion darüber einen Zug von Fetischismus erhalten. Dieser sollte jedoch keineswegs unsere Absicht verunklären, die in erster Linie formaler Natur ist.

Paul-Armand Gette

Vortrag gehalten am 28.2.1980 an der Ecole Nationale des Beaux-Arts von Paris.


Übersetzung: Günter Metken


Veröffentlicht in: Paul-Armand Gette: Über die Verwirrung - De la Perturbation. AQ-Verlag, Dudweiler (Saarbrücken) 1981, S. 5-9.

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