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Rudolf Stuckert und die Neue Rheinische Sezession

 

 

Helga Dietsch

Ein Maler der "Neuen Rheinischen Sezession"

Zur Rudolf-Stuckert-Retrospektive im Städtischen Kunstmuseum Singen

 

Zum Künstler (1912-2002)

 

In Publikationen zu etablierter rheinischer Malerei des 20.Jahrhunderts erscheint der Name Rudolf Stuckert nur in einer Fußnote: Jörn Merkerts und Werner Schmalenbachs Bruno-Goller-Katalog von 1986 vermerkt als erste Einzelausstellung Gollers "1936, Galerie Rudolf Stuckert, Düsseldorf".
Als Ausgangspunkt für eine Wiederentdeckung mag das etwas schmal erscheinen, aber im historischen Kontext sagt es einiges. Während der Goller-Ausstellung Mai-Juni 1936 feierte Stuckert seinen 24.Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf abgeschlossen und war Meisterschüler bei Oskar Moll, auch nach 1933, als die Lehrer-Elite der Akademie von den Nationalsozialisten entlassen worden war. Neben Oskar Moll mussten auch Paul Klee, Heinrich Campendonk, Ewald Mataré und Heinrich Nauen die Akademie verlassen. Nach Stuckerts Galerie-Eröffnung 1936 haben sie fast alle bei ihm ausgestellt - trotz Ausstellungsverbots und nach 1937 auch trotz Gestapo-Razzien.

So verzeichnet die Fußnote im Goller-Katalog doch mehr als die Existenz einer Galerie Stuckert. Der junge Rheinländer - Künstler und Galerist - erweist sich in seinen Aktivitäten als Teil eines Netzwerks, das ihn auszeichnet und das ihn begleiten wird.

Im März 1933 wird der damalige Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie Dr.Walther Kaesbach von der Nazi-Administration fristlos entlassen, noch vor den herausragenden Künstlern, die er an die Akademie berufen hatte. Im selben Jahr verlässt Kaesbach Düsseldorf und lässt sich in Hemmenhofen am Bodensee nieder. Dieser Umzug hat Signalwirkung. Fast alle seine Kollegen folgen ihm zeitweise oder auf Dauer in die Bodenseeregion, so dass Anna Klapheck zu Recht die 1949 gegründete "Neue Rheinische Sezession" in einen "rheinischen Raum" plazieren kann, "der vom Bodensee bis zur holländischen Grenze" reicht.

Dieses erweiterte Rheinische wird Stuckerts Kunst- und Lebensraum. Die in schwierigen Zeiten geknüpften Verbindungen bleiben erhalten, denn Stuckert hält Kontakt zu Düsseldorf, und viele Düsseldorfer Künstler - im Mittelpunkt der einflussreiche Walther Kaesbach - leben in unmittelbarer Nähe auf der Höri am Bodensee. Nicht der Zufall führt Rudolf Stuckert an den Bodensee: 1934 nimmt er an einer Sommerakademie seines Lehrers Oskar Moll in Hemmenhofen teil. Die künstlerischen Maximen sind nicht überliefert, die der einstige Mitbegründer der Académie Matisse, der seit etwa 1926 auch mit konstruktiven Formen experimentierte, seinen Schülern vermittelte. Aber die eindringliche Schilderung der Schriftstellerin Ilse Molzahn, wie der Grandseigneur Moll Gäste empfängt - "inmitten seiner Matisses und Légers, seiner Braques und Seurats und der eigenen Bilder, gleichsam in einer fest umrissenen und doch weit offenen Welt" -, lässt die internationale Orientierung und den Anspruch der Veranstaltung ahnen. Molls Auseinandersetzung mit der "Formgrammatik" des synthetischen Kubismus bestimmt genau zu der Zeit seine eigene Bildsprache, zu der Stuckert einer seiner Meisterschüler wird.

 

Zur Ausstellung

 

Stuckerts Frühwerk ist im Krieg verbrannt. Als frühe Werke sind in Singen nach 1945 entstandene Bilder ausgestellt, die zunächst kubistische Formen variieren. "Mädchen mit Reifen" von 1946 nimmt ein Thema auf, das für Stuckerts gesamtes Werk bis hin zu den letzten "schwarzen" Bildern inhaltlich und formal zentral wird. Das Reifen- und Spiel-Thema erscheint hier noch in kubistischer Brechung. Auch frühe Stilleben arbeiten mit kubistischen Anklängen, die möglicherweise den Einfluß Molls reflektieren. Stuckert setzte diese Technik auch später gekonnt ein, besonders in Porträts, hat aber die Flächenaufteilung seiner Bilder zunehmend geometrisiert.
1949 gehörte Rudolf Stuckert in Düsseldorf zu den Mitbegründern der "Neuen Rheinischen Sezession" - mit Ernst Wilhelm Nay, Josef Fassbender, Bruno Goller und Ewald Mataré. Etwa vierzig Künstler verbanden sich in der Abwehr "rückschrittlicher Kräfte" und in der "Wendung zur Abstraktion", dem Haupt-Thema der fünfziger Jahre. Wie bei den Vorgänger-Organisationen "Junges Rheinland" (1919) und "Rheinische Sezession" (1928) war eine künstlerische Generallinie nicht vorgegeben. Da alle Mitglieder bei Neuaufnahmen und Ausstellungen gemeinsam jurierten, galt die Zugehörigkeit zur "Neuen Rheinischen Sezession" als Auszeichnung. 1950 fand die erste Ausstellung statt. Diese Informationen gibt das Vorwort von Anna Klapheck zu einer Ausstellung 1969: 20 Jahre Neue Rheinische Sezession.

Eines der fünf Bilder, mit denen Rudolf Stuckert in dieser Ausstellung vertreten war, hängt jetzt in der Singener Ausstellung und zeigt, was aus dem Reifen-Thema von 1946 geworden ist. In "Bäume und Häuser" (1969) erscheint der Reifen nicht als Bildgegenstand, sondern als Form. Im extremen Breitformat zur Ellipse verzogen, tritt der Kreis als Figur zu den abstrahierten Grundformen von Bäumen und Häusern hinzu. Reifen, Kreise, Ellipsen - damit ist nicht Stuckerts Gesamtwerk, aber dessen Kern umrissen. Reifen treten, wie am Anfang - 1946 - als Bildsujets auf, werden thematisiert in "Reifenspielende", "Artisten" oder "Jonglieren", wobei das Spiel-Thema nicht auf Wellness- Bereiche verweist, sondern inhaltliche Abstraktion ermöglicht. Dies folgt jedenfalls aus der Spieltheorie, die Spiel als artifizielle, in sich geschlossene Welt definiert. Dieser "Spiel-Raum" bleibt bedeutungsfrei, weil von ihm nicht ohne weiteres Brücken zur Lebenswelt führen. Stuckerts Gestaltungen von Spiel bilden in genau diesem Sinn eine eigene Welt. - Der Reifen als geometrische Form, die Kreise und Ellipsen in Stuckerts Bildern, dienen hingegen der Farbmodulation. Im allgemeinen hellt sich die Farbstruktur innerhalb der geometrischen Figur auf. Aber das ist umkehrbar, wie auch die Kreise sich nicht immer schließen.
Wenn irgendetwas die Malerei dieses Bodensee-rheinischen Künstlers bezeichnet, dann der Seilakt zwischen Figuration und Abstraktion. Stuckerts Darstellungsinteresse gilt nicht Bild-Gegenständen wie Figur oder Landschaft, sondern dem Dialog zwischen figuralen und abstrakten Bildkomponenten, den er über die Farbe gestaltet. Seit der Ausstellung 1973 im Wessenberghaus Konstanz hat keine Ausstellung das so komplex und mit so viel Gespür für dieses besondere Oeuvre dargestellt wie die Singener Retrospektive.

 

(c) by Helga Dietsch
Helga Dietsch ist Co-Autorin des Buches: Rudolf Stuckert und die Neue Rheinische Sezession

 

 

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