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Agnès Rouzier

An Rilke

Briefe an einen toten Dichter

 

Übersetzung aus dem Französischen von Helga Dietsch

 

Dies sind fiktive Antwort-Briefe an Rainer Maria Rilke von der französischen Schriftstellerin Agnès Rouzier (1936-1981). Es sind nicht nur Antworten, in der Auseinandersetzung mit Rilke entsteht ihre eigene Poetik und die Beschreibung ihrer Lebensphilosphie.
Die Übersetzung wurde von der Kunst- und Literatur-Kritikerin Helga Dietsch erarbeitet.

 

Die Briefe erschienen zuerst unter dem Titel 'Lettres à un écrivain mort' in der Schweizer Zeitschrift FUROR (1981), ergänzt durch 2 zusätzliche Briefe in dem posthum erschienenen Band "Le fait même d'écrire" (1985), 2016 neu verlegt unter dem Titel 'dire, encore' bei BrûlepourPoint in Paris.

 

 

ISBN 978-3-942701-25-9

ca. 70 S.

Erscheint im April 2017

 

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Diese Publikation wird ergänzt werden durch eine Edition mit Bildern von Till Neu.

 

 

5. Brief

            Da liegt es meterweit nur Bruchstücke, eines neben dem andern. Akte in der Größe meiner Hand und größer ... aber nur Stücke, kaum einer ganz: oft nur ein Stück Arm, ein Stück Bein, wie sie so nebeneinander hergehen, und das Stück Leib, das ganz nahe dazu gehört. Einmal der Torso einer Figur mit dem Kopf einer anderen an sich angepreßt, mit dem Arm einer dritten ... als wäre ein unsäglicher Sturm, eine Zerstörung ohnegleichen über dieses Werk gegangen. Und doch, je näher man zusieht, desto tiefer fühlt man, daß alles das weniger ganz wäre, wenn die einzelnen Körper ganz wären. Jeder dieser Brocken ist von einer so eminenten ergreifenden Einheit, so allein möglich, so gar nicht der Ergänzung bedürftig, daß man vergißt, daß es nur Teile und oft Teile von verschiedenen Körpern sind, die da so leidenschaftlich aneinander hängen. Man fühlt plötzlich, daß es mehr Sache des Gelehrten ist, den Körper als Ganzes zu fassen - und vielmehr des Künstlers, aus den Teilen neue Verbindungen zu schaffen, neue, größere, gesetzmäßigere Einheiten... ewigere...

 

 

 

 

Mein lieber Rilke!


Wir spürten hinter Deinem Brief weite Räume in Bewegung.

Von diesen Skulpturen sagtest Du mitunter: "aus goldbraun und ockergelb gebranntem Ton."

Wir jedoch sehen überall nichts als Weiß.

Wie kann man, wie konntest Du dieses Weiß so zerstückeln.

 

Wir wollen uns jetzt das Licht gestreut, strahlend vorstellen und gleichzeitig kompakt und undurchdringlich.

Alles, was Leuchtkraft an Facetten hat.

Licht: dein Strahlen, dein Feuer, hier gehört es der Nacht an.

Nächtlich: das Licht. Als ob der Blick daran abprallte.

Oder auch, ein Sprung nach vorn, das Verlangen.

Mein Arm, mein eigener Arm, auch er gehört nicht mehr nur zu meinem Körper, sondern ist einfach da, erstarrt, reglos, ein Entwurf, immer wieder

entworfen, tausendfach. Es war einmal... Das Genügen, die Steigerung, der Höhepunkt. Der Jubel und die Furcht.


Hymnisch.


Es war einmal...


Lernen: schweigen lernen. Schweigen: keine großzügigere Opfergeste.


Auf jeden Fall waren wir Viele. Eine unendliche Zahl.

 

Lebendige. Schweigsame.


In Deinem Brief leuchtet unanfechtbar die Transparenz.

Du, der Andere.


Manchmal scheint es lange her, dass Du gestorben bist. Manchmal kaum ein Jahrhundert.


Auf jeden Fall waren wir Viele. Wir wollten schreien: Zählen ist falsch. Sehen ist falsch.

Die Zerstückelung wurde uns jetzt zur Qual. Zum Inbegriff der Qual. In den Fragmenten, Materie wie mit Gewalt zerschlagen: seltsam präzise Trugbilder.


Wunderbare.


Es verschlägt uns den Atem.


Wir haben offenbar das Privileg zu sehen verwirkt.


Immer wieder reiten wir auf erfundenen Pferden. Ohne dass die Fäden unserer Empfindungen sich jemals verwirrten. Und doch fragmentieren wir ziellos und kurzsichtig unsere Körper.


Es verschlägt uns den Atem.


Und erst jetzt machten wir Fortschritte, langsam, ganz langsam. Und erkannten, wie komplex, wie richtungweisend ein einziger Schritt sein kann.


Unser Körper schwankte. Wir schüttelten leicht den Kopf.


Und der Gesang, unser Gesang, wir hielten ihn zwischen den Handflächen.

Oder, leichter noch, mit tastenden Fingern.


Der Blick.

Unser Blick.


Auf jeden Fall waren wir Viele.


Es war viel mehr als sehen. Viel mehr als lesen: Es war eine Faszination, die sich selbst hervorbringt.


"Dann sind Tische, selles, Kommoden... ganz bedeckt mit kleinen Stückchen ... goldbraun und ockergelb gebrannten Tons."

 

 

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'selles' frz. im Rilke-Text. Bedeutung: Stuhl, Hocker.

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