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Zu "Theräß Briefe in deutscher Sprache geschrieben aus dem europäischen Abendland"

"Das Buch wurde zwischen 1971 und 1972 geschrieben" heißt es im Impressum. Das lange Abwarten ist Absicht gewesen: nicht daß sich der Text änderte oder in der Zwischenzeit geändert worden wäre, aber das Lesen änderte sich, wurde vielleicht komplexer, diskontinuierlich, fragmentiert. Und es zeigt sich, daß es in diesem Buch keine verblassende Aktualität gibt; der Zugang zu diesem schwierigen Text ist in diesen zehn Jahren vielleicht etwas leichter geworden...

Der Untertitel des Buches lautet: "Briefe in deutscher Sprache geschrieben aus dem europäischen Abendland". Neben der Tautologie (europäisch-Abendland) ist in ihm der Widerspruch enthalten in Bezug zu dem tatsächlichen Inhalt, denn es sind keine Briefe (nur in einigen Wendungen klingen Briefe überhaupt an und werden thematisiert), und es stellt sich die Frage: welche deutsche Sprache wird hier verwendet (neben den relativ häufigen Passagen in französischer Sprache, oder den Textstellen, die sowohl deutsch als auch französisch zu lesen sind)?
Es gibt in dem Buch zwar eine durchgehend auftretende Figur neben dem (schreibenden ?) Ich in der Figur der Theräß. Doch dieser Name ist auf vielfältige Weise anders geschrieben, wird abgewandelt, entzieht sich also bereits durch die Namensgebung/-Schreibung jeder festen Identifikation, während das schreibende Ich behauptet:

"H. ist natürlich ich, ich bin natürlich der kleine, immer in Klammern gesetzte H.; (...) dann ist da noch die Vorstellung, daß ich (H., kleiner H.) /Handlanger/ ausgesagt werde; H. liegt bei den ausgeleerten Schweineställen. Ich bin (vermessen). Das sind die Flurvermesser. Da schreibt H. auf." (S. 36)

Anscheinend gibt es also keine festmachbaren, feststellbaren Identitäten in diesem Buch. Es gibt auch keine ausgeführte, ausgearbeitete Geschichte, keine durchgehende Fabel, ja, es gibt streckenweise keine zu Ende gebrachten Sätze und manchmal, besonders zu Beginn des Buches, keine zu Ende gebrachten Wörter. Und es gibt schließlich auf den Seiten 57 bis 62 eine Passage, deren einzelne Teile durch Buchstaben und Ziffern gekennzeichnet sind und die - so suggeriert es eine vorgestellte "Vorbemerkung an den Leser" - auch in einer anderen Reihenfolge gelesen werden könnte.

Da sind Textteile, die lediglich als Sprach- oder Schreibversuche, als Schreibansätze zu lesen sind (insbesondere Teil 1) und es gibt Textteile, die relativ durchlaufend geschrieben sind, in denen jedoch stets etwas hindurchleuchtet, was dieser Text nicht ist, was aus einem anderen, fremden, ganz verschiedenen Text und Kontext zu stammen scheint. Durch diese Brüche, Unterbrechungen und Wortüberlagerungen (etwa (h/l)assen = hassen/lassen) wird eine fortschreitende Wort für Wort vorgehende Geschichte unmöglich und es wird beim Leser, der sich diesem Text einfach anvertrauen sollte, eine Vielzahl möglicher, eigener und fremder Geschichten beginnen können.

Wenn es in diesem Buch keine Personen gibt, die als "Romanfiguren" gelten könnten, so kann sich auch keine Geschichte entwickeln. Vielmehr sind es Splitter von Geschichten, oder Ansätze zum Erzählen, wie von Sprachlosen ausgestoßene Laute und Lettern, nicht einmal Wörter, vielmehr durchstrichene Silben, aufgehobene Ortsnamen, verweigerte Namen, verweigertes Bezeichnen. In einigen essayhaften Teilen, etwa über die Kannibalen oder über die Kindererziehung, die gleichzeitig auch von Montaigne handeln und von seinem Blick in die Antike und von Montaignes eigener Gegenwart und überlagert von Bezügen zum Tagesgeschehen, nur in diesen Passagen ist ein roter Faden zu finden.
In seiner gesamten Anlage und Tendenz jedoch ist das Buch "Theräß" der Versuch des Aufhebens der erzählten fortlaufenden Geschichte, der Überlieferung und der (abendländischen) Tradition, und schließlich der Aufhebung (in Frage stellen) der Identität. Nicht die Annullierung einer Identität (des Schreibenden/ des Lesenden) wird hier vorgenommen, sondern gleichsam ein Durchstreichen und ein Versuch, zu einer schillernden Neudefinition von Identität zu gelangen, die im Augenblick der Festlegung wieder in Frage gestellt wird und schon nicht mehr gültig ist.

Aber die Identität ist eine abendländische Anstrengung, und so ist am Ende des Buches im Kapitel "Kapitel vier, fünf, sechs und sieben, Der Deserteur; Einfühlungsvermögen des Kritikers oder die Besessenheit nach dem Dialog Ion" die Frage der Kunst, und darüberhinausgreifend die Frage des Sinns, der Sinngebung, die negiert zu werden scheinen, weil es keine Sicherheit mehr geben wird, und doch heißt es sogleich: "aber nun, gehts ?" (S. 146).

Auf eine sowohl intellektuelle als auch emotionale Weise werden in diesem Buch Grenzzonen zwischen Noch-Mitteilung und Privatsprache, oszillierend zwischen Bedeutung und Nicht-Bedeutung aufgezeigt und dokumentiert. So, als würden die Zitate (Montaigne, Rimbaud, Platon, Bataille, Pound, Rilke, etc.) und die Hinweise auf andere, sowie schließlich auch die privaten Erinnerungsstücke dazu dienen, ein Material zu liefern, das nicht mehr durchdringbar ist für eine unmittelbare Deutung oder Interpretation, weil auch die darin enthaltene Zeit nicht durchdringbar ist, sondern nur erfahrbar. Als sei nur noch der Gegenstand Text zu lesen als Dokument einer Auseinandersetzung mit einem Teil Geschichte, einem Teil Zeit: unserer eigenen subjektiven Zeit, und er ist Beleg für die Auseinandersetzung mit dem Zwang, stets etwas auf etwas anderes beziehen und dadurch verstehen zu wollen.
In "Theräß" werden dagegengehalten Stücke einer Imagination, die wie im Traum vorangeht und alles nebeneinanderstellen kann, unvermittelt. Nichts ist ausgeschlossen und nichts kann sich dem entziehen.

Das Material aber ist die Sprache, und diese Sprache ist in "Theräß" an den Rand der sprachgemeinschaftlichen Konvention gesetzt, geradezu auf die Grenzlinie zwischen Konvention und Norm und den neugeformten Wörtern einer Privatsprache. So wird der Text in seiner Funktion als Kommunikationsmittel (durch die Sprache) aufgehoben: in ihm selbst ist der ständige Hinweis auf die Unzulänglichkeit seiner eigenen Sprache enthalten, zugleich mit dem Verlangen nach einfachem Mitteilen, einfachem Sprechen, Schreiben.


In einem späteren Text (Biarritz-Bericht, manuskripte, Graz 1981) heißt es - und dies kann als Beschreibung dieses Zustandes und Verlangens verstanden werden -:
"Immer noch bekannte Sätze, die mich aufheben, die ich betrachten muß. Und jeder Satz hat seinen eigenen Geruch, die Zähne zu hart im Mund, und jede Beziehung, jeder Augenblick nicht in einer beliebigen Entfernung, sondern hier, hier auf dem Gesicht, ein Schlag, die erwarteten Zerstörungen, die immer neue Zerwürfnisse, neue Verluste nach sich ziehen werden. "


Ist das Ziel eine allumfassende Synästhetik?


E.S. (November 1982)

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Literatur zum Hören

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